Ob ehrenamtlich oder hauptberuflich: Viele Menschen setzen ihre Zeit, Kraft und Fähigkeit – und manchmal auch die Gesundheit – ein, um in Not geratenen Menschen zu helfen. Wie verarbeiten sie all diese schwierigen Momente? Darüber sprachen die Retter, die irgendwie alle etwas mit Blaulicht zu tun haben, also bei Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdiensten tätig sind, beim Blaulichtgottesdienst in Seulberg.

Da war dieser Mann, der einen Brand in seiner Wohnung nicht überlebte. 17 Jahre ist das jetzt her. Simone See hat lange gebraucht, um dieses schreckliche Ereignis und die Bilder des Leichnams gleich zu Beginn ihrer Karriere als Feuerwehrfrau bei der Freiwilligen Feuerwehr Seulberg zu verarbeiten. „Ich wolle damals mit niemandem reden“, sagt sie. Obwohl sie es vom Kopf her besser wusste, „habe ich mich immer wieder gefragt, was ich hätte anders machen können, um den Mann vielleicht doch zu retten.“ Heute mit sich im Reinen, brauchte es doch einige Überwindung, um davon öffentlich beim Blaulichtgottesdienst in Seulberg für die Rettungskräfte und die Polizei aus dem Hochtaunuskreis zu berichten.

In der Fahrzeughalle der Seulberger Wehr hatten am Freitagabend mit Manfred Moos von der Rettungsleitstelle, Dirk Bepler von der Autobahnstation Butzbach und Tatjana Schmitt vom Kriseninterventionsdienst noch drei weitere diesen Schritt gewagt. Eindrücklich erzählten sie von den schwersten Stunden in ihrem Dienst, als beispielsweise eine gute Bekannte nur noch tot aus einem Unfallauto geborgen werden konnte. „Diese Erfahrung wünsche ich keinem“, so Manfred Moos mit belegter Stimme. Bis heute wisse er nicht, wie er von diesem Einsatz vor 30 Jahren zurück nach Hause gekommen sei.

Das konnten wohl die allermeisten der rund 200 Gottesdienstbesucher ganz genau nachfühlen. Vor dem zum Altar umfunktionierten und mit Blumen geschmücktem Leiterwagen, dessen abmontierter Korb sozusagen als Kanzel diente, hatten sich Mitglieder der verschiedenen Feuerwehren, vom Technischen Hilfswerk (THW), der Polizei, den Maltesern und dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) bei dem der Kriseninterventionsdienst (KID) angesiedelt ist, aus dem Hochtaunuskreis versammelt, um gemeinsam zu beten, zu danken, zu gedenken.

Trost und Hoffnung

„Das ist eine ganz wichtige Veranstaltung, denn hier geht es um Trost, Hoffnung und Stärke“, sagte die Oberurseler Pfarrerin Cornelia Synek im Gespräch mit dieser Zeitung, die zusammen mit Pfarrer Ralf Fettback und der pastorale Mitarbeiterin von St. Marien, Dr. Anne Kossatz, den ökumenischen Gottesdienst hielt. Dabei sei es wichtig, aus der Kirche raus und zu den Menschen zu gehen, betonte Pfarrer Fettback. Oder wie es Pfarrerin Synek an die Gottesdienst-Besucher formulierte: „Wir sind da, von wo Sie ausrücken, um anderen zu helfen.“

Um die Sinnhaftigkeit des Helfens ging es dann auch in der Predigt der beiden Pfarrer. Ausgehend von Matthäus 16, Vers 26 „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und doch Schaden an seiner Seele nimmt?“ bestärkten sie die Retter und Helfer in ihrer Hilfe für die anderen und betonten, dass auch sie selbst offen für Hilfe sein dürfen.

„Wir wissen, dass jeder anders damit umgeht und seinen eigenen Weg finden muss“, bestätigte nach dem Gottesdienst auch der Friedrichsdorfer Stadtbrandinspektor Ulrich Neeb. Neben den Gesprächen mit den Kameraden sei manchmal auch professionelle Hilfe nötig. Glücklicherweise geben es im Gegensatz zu früher mit dem KID und geschulten Psychologen heute eine gute Hilfestruktur für die Retter und Helfer.

Eine Rettungskette

Dieser Blaulichtgottesdienst, der im Rahmen der Feierlichkeiten der Seulberger Wehr zum 1250 Bestehen des Friedrichsdorfer Ortsteils stattfand und der musikalisch vom Musikzug der Bommersheimer Wehr unterstützt wurde, gehört dazu. „Denn hier rücken wir alle noch enger zusammen“, betonte Heike Knorr, Teamleiterin beim Kriseninterventionsdienst. Das gebe Stärke und schaffe Vertrauen, von dem man wiederum bei den Einsätzen profitiere.

Besonders eindrücklich wurde dies, als sich bei der Bitte um göttlichen Segen, die Besucher gegenseitig die Hand auf die Schulter legten. Ein ganz besonderer Moment, in der festlich geschmückten Fahrzeughalle mit dem vom THW gebauten großen Holzkreuz. „Mit diesem Gottesdienst“, so Pfarrerin Synek, „bilden wir für die Helfer im wahrsten Sinne des Wortes eine Rettungskette.“

 

Artikel aus der Taunus Zeitung vom 14.08.2017